Ein wertvolles Stück Ortsgeschichte wird digitalisiert

Vor 500 Jahren mag Wackernheim keine 200 Seelen gezählt haben. Als Freies Reichsdorf im „Ingelheimer Reich“ war es nur dem König unterstellt. Die katholische Kirche St. Martin war das unübersehbare Wahrzeichen. Schenkungen begüterter Bürger an Klöster und Verpfändungen schafften immer wieder neue Obrigkeiten.
Nichts war schwieriger als ein vernünftiges Zusammenleben zu organisieren, das war auch in Wackernheim so. Hader, Zank und Streit waren Grund für zivilrechtliche Auseinandersetzungen. Recht sprach der – meist adelige – Schultheiß gemeinsam mit seinen vereidigten Schöffen, Mitglieder der Dorfgemeinschaft, unter der üppigen Linde auf dem Dorfplatz. Zahlreich nahm die Wackernheimer Bevölkerung Anteil an den Verhandlungen.
Das Dorfgerichtsbuch, das Wackernheimer Haderbuch (1472-1501), zählt heute zusammen mit den Ingelheimer Haderbüchern zu den ältesten seriellen Gerichtsdokumenten Deutschlands. Wir wissen heute, dass der Ingelheimer Oberhof ein bedeutendes Reichsgericht mit besonderer Autorität war, das weit über die Stadtgrenzen Ingelheims hinaus Rechtsfälle klären mußte. Mitglieder dieses Oberhofs waren die Vorsitzenden der Dorfgerichte des Ingelheimer Reiches, also auch diejenigen von Wackernheim.
Das Wackernheimer Haderbuch blickt ebenso wie die Ingelheimer Haderbücher auf eine ausgesprochen wechselvolle, mehr als 500jährige Geschichte zurück. Einst abgelegt in den steinernen Gewölben der Ingelheimer Burgkirche, berichtete der Ingelheimer Gerichtsschreiber und Notar Susenbeth 1644 erstmals wieder von deren Existenz. Im 18. Jahrhundert nimmt ein angesehener Mainzer Rechtshistoriker einige Dokumente zum Anlass, sie zu fälschen; er verkauft sogar unberechtigter Weise den einen oder anderen Band.
Anfang des 19. Jahrhunderts verstecken Ingelheimer Patrioten eine Reihe von Bänden, um sie vor dem Versand in das Staatsarchiv in Darmstadt zu bewahren. Das sollte sich als glücklicher Umstand erweisen, denn die Auswirkungen kriegerischer Zerstörung vernichten bei einem Brand 1944 einen Teil der Haderbücher unwiederbringlich.
Das Wackernheimer Haderbuch ist uns glücklicher Weise erhalten geblieben, wenn auch in einem teilweise stark mitgenommenen und verstümmelten Zustand. So hat es der Aachener Rechtshistoriker Hugo Loersch beschrieben, als er insgesamt 33 Gerichtsbücher aus dem Ingelheimer Reich 1870 auf dem Speicher des Ober-Ingelheimer Rathauses fand und dokumentierte.
Heute sind alle vorhandenen Gerichtsbücher buchrestauratorisch aufbereitet und kopiert. Die Gemeinde Wackernheim hat sich entschieden, ihr Haderbuch zu transkribieren und und es aus dem frühneuhochdeutschen Original übersetzen zu lassen. Die dazu nötige Unterstützung leisten die Spezialisten des Instituts für Geschichtliche Landeskunde (IGL) in Mainz, die das Haderbuch unter der Webseite https://www.haderbuecher.de digitalisieren und veröffentlichen.
Während des Wackernheimer Weihnachtsmarktes werden wir am 3. Dezember von 12.30 bis 15.30 Uhr im DGH über das Haderbuch informieren. Wir freuen uns auf viele Interessenten.

Wolfgang Emmerling, Beigeordneter